Ratgeber
Versorgungslücke berechnen: So finden Sie Ihre Zahl.
Ohne eine konkrete Zahl ist jede Vorsorgeentscheidung geraten. Die gute Nachricht: Die Zahl lässt sich in einer halben Stunde ermitteln – Sie brauchen dafür nur vier Angaben.
Altersvorsorge · 7 Min. Lesezeit · Stand 29. September 2026
Was die Versorgungslücke überhaupt ist
Die Versorgungslücke ist die Differenz zwischen dem Geld, das Sie im Ruhestand brauchen werden, und dem Geld, das Sie aus gesicherten Quellen erhalten. Sie ist keine abstrakte Größe, sondern ein monatlicher Betrag in Euro – und genau dieser Betrag ist der Maßstab für alles Weitere.
Solange diese Zahl nicht auf dem Tisch liegt, lässt sich nicht beurteilen, ob ein Vorsorgevertrag zu klein, zu groß oder überflüssig ist. Deshalb steht die Rechnung am Anfang, nicht am Ende.
Schritt 1: Ihr Bedarf im Ruhestand
Gehen Sie von Ihren heutigen monatlichen Ausgaben aus, nicht von Ihrem Einkommen. Ziehen Sie ab, was im Ruhestand wegfällt: Sparraten für die Altersvorsorge selbst, Beiträge zur Arbeitskraftabsicherung, berufsbedingte Kosten, möglicherweise eine getilgte Immobilienfinanzierung.
Rechnen Sie hinzu, was dazukommt: mehr Zeit für Reisen und Hobbys in den ersten aktiven Jahren, später steigende Gesundheitsausgaben. Als grober Anhaltspunkt liegt der Bedarf bei vielen Haushalten bei etwa 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens – aber diese Faustregel ersetzt die eigene Rechnung nicht, sie prüft sie nur auf Plausibilität.
Schritt 2: Was gesichert ist
Gesetzliche Rente – Steht in Ihrer jährlichen Renteninformation. Achtung: Der dort genannte Betrag ist ein Bruttowert vor Steuern und vor Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen. Was tatsächlich ankommt, liegt spürbar darunter.
Betriebliche Altersversorgung – Aus der jährlichen Standmitteilung Ihres Versorgungsträgers. Auch hier gilt: Auf Leistungen der betrieblichen Vorsorge fallen in der Auszahlungsphase Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge an.
Bestehende private Verträge – Die Standmitteilung nennt in der Regel eine garantierte und eine prognostizierte Leistung. Rechnen Sie zunächst mit der garantierten – Prognosen sind keine Zusagen.
Mieteinnahmen und Kapitalerträge – Nur, wenn sie tatsächlich planbar sind. Und abzüglich Instandhaltung, Verwaltung und Leerstandsrisiko.
Schritt 3: Die Lücke – und der Fehler, den fast alle machen
Bedarf minus gesicherte Einkünfte ergibt die Lücke in heutigen Euro. Und hier passiert der häufigste Denkfehler: Diese Zahl wird für bare Münze genommen, obwohl sie erst in zwanzig oder dreißig Jahren relevant wird.
Die Kaufkraft von Geld sinkt über solche Zeiträume erheblich. Eine Lücke, die heute mit einem bestimmten Betrag geschlossen wäre, braucht in dreißig Jahren deutlich mehr. Wer die Inflation ignoriert, plant systematisch zu knapp – und merkt es erst, wenn nichts mehr zu ändern ist.
Das heißt nicht, dass Sie mit komplizierten Formeln arbeiten müssen. Es heißt: Rechnen Sie die Lücke einmal in heutiger Kaufkraft und einmal hochgerechnet auf den Rentenbeginn. Der Unterschied zwischen beiden Zahlen ist oft der eigentliche Aha-Moment.
Schritt 4: Von der Lücke zur Sparrate
Steht die Lücke fest, folgt die Umkehrrechnung: Welches Kapital wäre nötig, um diesen monatlichen Betrag über die erwartete Rentendauer zu decken – und welche monatliche Sparrate führt bei Ihrem Zeithorizont und einer realistisch angenommenen Rendite dorthin?
Hier zeigt sich der Wert früher Beiträge besonders deutlich. Wer zwanzig Jahre länger Zeit hat, braucht für dasselbe Ziel eine erheblich niedrigere Rate, weil der größere Teil der Arbeit vom Zinseszins übernommen wird.
Wenn die errechnete Rate den verfügbaren Spielraum übersteigt – was häufig vorkommt – ist das kein Grund zu resignieren. Es ist der Punkt, an dem priorisiert wird: Welcher Teil der Lücke wird geschlossen, welcher bewusst offen gelassen, und an welcher anderen Stelle lässt sich Spielraum gewinnen?
Schritt 5: Regelmäßig nachrechnen
Eine Vorsorgerechnung ist eine Momentaufnahme. Gehaltssprünge, Elternzeit, ein Wechsel in die Selbstständigkeit, ein Immobilienkauf – all das verändert beide Seiten der Rechnung. Alle zwei bis drei Jahre nachzurechnen ist deshalb kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass das Ergebnis etwas mit Ihrer Realität zu tun hat.
Häufige Fragen
Die Deutsche Rentenversicherung verschickt sie jährlich automatisch an alle Versicherten ab 27 Jahren mit mindestens fünf Beitragsjahren. Sie lässt sich zusätzlich online über das Kundenportal abrufen oder telefonisch anfordern.
Die Grundrechnung ja – Bedarf minus gesicherte Einkünfte. Anspruchsvoller wird es bei Inflation, Besteuerung im Ruhestand und der Bewertung bestehender Verträge. Genau dort entstehen die Fehler, die das Ergebnis systematisch zu optimistisch ausfallen lassen.
Das ist der Normalfall und kein Grund zur Panik. Wichtig ist, dass die Zahl bekannt ist: Dann lässt sich priorisieren, in Etappen planen und mit dem beginnen, was heute möglich ist. Eine unbekannte Lücke ist gefährlicher als eine große.
